Foto und Bericht von Volker Faßbender-Rust

Festival vom 21./22.07.12

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www.amphi-festival.de

 

Summer Jam der schwarzen Szene

Zugegeben, grün-gelb-rote Strickmützen waren weit und breit nicht in Sicht und der Vergleich hinkt gewaltig! Nicht jedoch was das Festival-Wetter betrifft: Bei nahezu karibischem Wetter startete vergangenes Wochenende das IX. Amphi Festival 2013! Das verheißt, in Anbetracht des ebenfalls trockenen Festivals im vergangen Jahr, auch regenfreie Amphis für die Zukunft! Denn wer sich in Köln ein wenig auskennt, der weiß auch, dass alles was hier zum zweiten Mal stattfindet, umgehend zur Tradition ernannt wird.

Im Gegensatz zu Jan Brübach, der in den letzten Jahren für FFM-Rock vom Amphi  berichtete und den ich nun urlaubsbedingt vertrat, konnte ich es, kurz vor den Toren Kölns wohnend, etwas entspannter angehen und mir eine frühzeitig Anreise ersparen. Dennoch traf ich überpünktlich zur Öffnung des Geländes am Tanzbrunnen ein, um eines der, wie zu erwarten, schleunigst belegten Schließfächer am Eingang in Beschlag zu nehmen. Eine tolle Sache mit den Schließfächern! Davon könnte es durchaus noch mehr geben und auch der wählbare Preis von 1,- oder 2,- Euro ist völlig okay, wenn man nicht etliche Male an sein Fach muss. Denn die ein bis zwei Euro werden bei jedem Schließvorgang fällig! Eine deutliche Verbesserung wären übrigens noch Stromversorgungen in den Spinden, um Handys und ggf. Kamera-Akkus laden zu können, ohne vom Festivaltreiben etwas verpassen zu müssen.

Zu den einzelnen Bands möchte ich mich mit meinem Bericht, wie man es aus den letzten Jahren bei FFM-Rock gewohnt ist, nur schwerpunktmäßig auslassen. Auch über Outfits der Festivalbesucher mag ich mich nicht auslassen. Berichte hierüber sollen gerne Metier der Boulevardpresse bleiben. Wer hier liest, weiß einfach was modetechnisch beim Amphi angesagt ist! Davon gehe ich jedenfalls mal aus!

Während sich das Staatenhaus zu Programmbeginn am Samstag noch recht gemütlich für FABRIK C füllte, wurden A_LIFE [DIVIDED] auf der Main Stage bereits recht zahlreich und begeistert begrüßt. Die wiederum fühlten sich offensichtlich verpflichtet und gaben gleich richtig Volldampf, Spiellaune und Publikumsnähe zum Besten, womit sie den Boden für den nachfolgenden STAHLMANN bestens bestellten. So standen die ersten eineinhalb Stunden fett und satt im Zeichen von Rock vom Feinsten.  Im Staatenhaus ging es derweil elektrosynthetisch weiter mit XOTOX und FROZEN PLASMA, mal hektischer mal melodischer.

Auf der Main Stage gingen dann SOLITARY EXPERIMENTS ins Rennen, die als kleine Überraschung und Vorhut zunächst einmal eine „Damenkapelle“ auf die Bühne schickten, deren Sängerin, Sèraphin Strange, die Stimme von SE-Sänger Dennis eingehaucht wurde. Mit „Pale Candle Light“ zeigte sich die rote Garde aus Berlin aber doch lieber selbst dem, wie sich noch zeigen sollte, vielfach textsicheren Publikum und begeisterte mit neuen Stücken und Klassikern. Zu erwähnen wäre noch, dass der neue Ohrenschmaus von Solitary Experiments mit dem Titel „Phenomena“, von der einfachen CD bis hin zur  exklusiven limitierten Fan-Box, kurz vor dem Release steht und mit ihrem Erscheinen im September die Tour De Phenomena 2013 durch Deutschland beginnt.

Während FADERHEAD es im Staatenhaus wie gewohnt bis unter die Decke scheppern ließen, sorgten FROZEN PLASMA dort im Anschluss wieder für etwas Entspannung.

Auf der Main stand nun Alex WESSELSKY auf dem Programm. Diesmal nicht als Eisbrecher und uniformiert, sondern seriös mit Sakko und Fliege. Akkustisch wurden allerdings, neben dem gewohnt hervorragenden Entertainment, mit einem Querschnitt seines bisherigen Schaffens alle Erwartungen zu größter Zufriedenheit erfüllt: laut, stampfend, Wesselsky!

„Lasst uns durchdrehen!“ Das jedenfalls dachten wohl auch die Tontechniker, als TANZWUT auf der Bühne standen und bei ihrem Opener sämtliche Mikros ausfielen und man sichtlich hektisch bemüht war, die Stimme des Teufels über das Festivalgelände zu tragen. Straight und professionell zogen Tanzwut allerdings ihr Ding durch wie die schäumende Gischt und ab dem zweiten Song lief es dann auch wieder planmäßig mit viel Spaß und guter Laune.

Spektakulär auch der Auftritt von AGONIZE! In Erwartung, dass es blutig wird, sparte ich mir den Gang in den Bühnengraben. Und meine Entscheidung erwies sich als richtig: Ab dem zweiten Song ging es auch schon los und Chris L. ließ die ersten Fontainen Kunstblut ins Publikum spritzen. Nicht, ohne dass auch der eine oder andere Fotograf im Graben zum Teil ordentlich was abbekam. Ob das, solange noch fotografiert wird und dann schlimmstenfalls teures Material zu Bruch geht, Not tut, will ich mal dahin gestellt sein lassen. Das Publikum hatte jedenfalls mächtig Freude und tobte mit.

Ein weiteres Highlight, mein persönliches an diesem Samstag in jedem Fall, bildete PHILIPP BOA und sein Voodooclub, mit dem er über eine Stunde einen fantastischen Auftritt hinlegte und die Festivalbesucher in seinen Bann zog. Dass bei mir eine Gänsehautschauer die nächste ablöst, passiert mir wirklich nicht oft und das bei an diesem Wochenende doch vergleichweise wenig aufwendiger Bühnenshow. Allein musikalisch überzeugten Philipp Boa & The Voodooclub auf ganzer Linie!

Mit reichlich Spaß in den Backen enterten zum Abschluss des Programms auf der Main VNV NATION die Bühne. Sänger Ronan Harris zeigte sich mehrfach mit leuchtenden Augen schwer beeindruckt von einem Meer an Köpfen und jubelnden Händen bis zum Horizont. Es schien, als habe sich hier das gesamte Amphi Festival versammelt und mit lauten und leiseren Tönen fackelten VNV NATION zum Dank ab, was das Zeug hielt.

Mit einem vollen Haus bildeten die absoluten Klassiker ALIEN SEX FIEND im Staatenhaus den Abschluss des ersten Festivaltages. Unter dem Motto „Bloß keine hektischen Bewegungen“ legten die Fiends einen, einem Gesamtkunstwerk gleich kommenden, hörens- und sehenswerten Auftritt hin. Gut, dass wir sie noch haben!

Am Sonntag eröffneten CHROM im Staatenhaus den bunten…okay, schwarzen Musikreigen mit einem kraftvollen, harmonischen und gesanglich überzeugenden Sound. Die an diesem Morgen bereits sehr gut besuchte Halle ließ sich von Sänger Chris bis in die letzte Reihe gut mitreißen. Mit ihrem Mix aus Synth Pop und EBM haben CHROM trotz ihres relativ kurzen Bestehens inzwischen, und für meine Begriffe zu Recht, eine feste Anhängerschaft gefunden, wie man auch hier feststellen durfte.

Beschaulich, mal laut, mal leise, von seiner Person her äußerst sympathisch und vom Gesang her anspruchsvoll präsentierte sich auf der Main BEN IVORY mit eingängigem Pop. Nicht zwingend jemand, den ich bei Festivals wie dem Amphi erwarten würde, dennoch erfreulich, ihn gehört haben zu dürfen.

Mit der schweizer Formation THE BEAUTY OF GEMINA, die in der Schweiz bereits mit einer Chart-Platzierung erfolgreich war, ging es danach auf der Main wieder reichlich rockig zur Sache, in der Staatenhalle hingegen mit den von Projekt Pitchfork bekannten Peter Spilles gegründeten SANTA HATES YOU und einem brachialem, energiegeladenem und mitreißenden Mix aus Industrial und Dark Elektro.

Auch bei diesem Amphi zuverlässig am Start, Tausendsasser Andy LaPlegua, diesmal als ICON OF COIL. Alte Stücke in neuerem Gewand, könnte man es kurz fassen, aber keinesfalls langweilig. Mit seiner stets bewegungsunruhigen und ständig den Kontakt zum Publikum suchenden Bühnenpräsenz, schafft Andy es stets, die Menschen auf seine Seite zu ziehen.

In eine andere Welt entführten in der Staatenhalle FAUN mit ihren mittelalterlichen Instrumenten und Gesängen. Hier war ich zum ersten Mal bei einem Amphi den Lichttechnikern fast dankbar. Während es für meine Begriffe auf der Bühne in der Halle meist reichlich mit Nebel und Licht von hinten übertrieben wird und dadurch nur schwerlich anständige Fotos möglich werden (andere Fotografen fluchen darüber auch genug), ergaben sich bei FAUN zum Teil sehr sehenswerte, mystisch anmutende Effekte.

Garant für Andrang zur Hauptbühne und hervorragender Stimmung am Sonntag auch LETZTE INSTANZ. Denen zuzuhören und zuzusehen macht einfach immer wieder Spaß. Die Lust, die Letzte Instanz mit auf die Bühne bringen, steckt einfach an und transportiert sich sofort aufs mittobende Publikum. Einmal warm gelaufen rockten die Besucher im Anschluss mit DIARY OF DREAMS um die Wette. Hier gab es weder Gewinner, noch Verlierer! Band und Publikum einten sich zu einem satten Musikspektakel.

Die sommerlichen Temperaturen und die, von den eng aneinander stehenden Besuchern ausgestrahlte Hitze waren inzwischen so unerbittlich, dass seitens der Security vor der Bühne dringend Wasser in die Menschenmenge gereicht werden musste. So blieb es zum Glück aus, dass irgendwer kollabierte.

Dann kamen OOMPH!... Jaaa….OOMPH!  Vor ihrem Auftritt dachte ich, dass ich irgendwas schreiben würde wie „erwartungsgemäß“ oder „immer dasselbe“ bis hin zu „muss nicht sein“. Doch! Muss sein! Allein schon die von Mal zu Mal wechselnden Maskeraden, Outfits und Bühnenkulissen der Band sorgen für Abwechslung und beweisen eine gewisse, sich nicht so wichtig nehmende Selbstironie der kompletten Besatzung. Die von Dero veranstalteten Faxen auf der Bühne tun, neben der Musik, die einigen ja zu mainstream ist, ihr übriges, um sich durchaus gut unterhalten zu fühlen. Dero ist einfach eine Bühnensau ohne wenn und aber!

Nach wie vor begeistern kann auch ANNE CLARK, die in diesem Jahr indoor auftrat. Durch die inzwischen reichlich belagerte Main Stage hatten sich die Publikumsreihen im Staatenhaus um einiges gelichtet. In Kombination mit der kleineren Bühne wirkte der Auftritt von Anne Clark daher auf mich wie eine kleine, feine, intime Clubdarbietung und es wäre bestimmt nicht nötig gewesen, ihren absolutes Muss  „Our Darkness“ ganz nach hinten auf die Setlist zu packen, um die Zuhörer bei der Stange zu halten.

Zum zweiten diesjährigen Headliner FIELDS OF THE NEPHILIM stand das Gelände um die Main ähnlich wie am Abend vorher rappelvoll! Auch Fields bedankten sich für diesen Empfang mit einem gewaltigen Rock-Spektakel inklusive Ausflug ins Publikum von Carl McCoy.

Alles in allem war auch das IX. Amphi Festival wieder eine runde sehr international besuchte Sache, bei der jeder sicher irgendwo auf seine Kosten kam. Wie ich am Rande mitbekam unterhielten sich einige Besucher darüber, dass es Sinn machen würde, das Geschehen auf der Bühne auf Projektionsflächen auch aus der Distanz sichtbar zu machen.  Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieser Gedanke als Vorschlag konstruktiv umgesetzt werden könnte.

Insofern lohnt es sich allemal den Termin 26. und 27. Juli 2014 für das nächste Amphi vorzumerken und Tickets zu sichern. Ich bin sicher, dass Marco Goethel, Kai Lotze und ihr Team dann  zum zehnjährigen Jubiläum mit so manchen Überraschungen und Specials aufwarten werden.

Tschüss und gerne bis  zum Jubiläumsjahr, der Volker

 

Foto © 2013 Volker Faßbender-Rust

Fotos vom Festivalsamstag findet Ihr >HIER