HARTMANN – Haibach, Sonic 11



Interview vom 05.09.16
Interviewpartner: Oliver Hartmann (voc., git.)

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HARTMANN

FFM-Rock:
Moin Olli, lass uns zu Beginn dieses Interviews bitte das Thema AVANTASIA 2016 mal kurz aufgreifen. Erfolgreicher geht es hier ja kaum noch. Was hat dich in dieser Zeit am meisten gefreut oder beeindruckt und was am meisten geärgert?

Olli:
Geärgert hat mich gar nichts bei der Tour. Es war mittlerweile die 4. Tour. Sie war größer angelegt als jede Tour bisher und wir haben uns natürlich alle darüber gefreut, dass sie so erfolgreich war. Alle Locations in Deutschland waren ausverkauft, und auch weltweit ist es supergut gelaufen. Wir haben Länder bespielt, in denen wir bisher noch nicht waren. USA z.B., was auch recht gut gelaufen ist. Summasummarum waren wir fast 6 Monate inklusive der ganzen Festivals im Sommer unterwegs. Für uns als Projekt oder als Band - wie auch immer man uns nennen mag - ist eigentlich alles bestens gelaufen.

FFM-Rock:
So, jetzt mieme ich mal den Klatschreporter. Mit dem aktuellen Album „Ghostlight“ und dem damit einhergehenden Auftritt beim ESC-Vorentscheid mit dem Titel „Mystery Of A Blood Red Rose“ hattet ihr die wohl größte Bekanntheitssteigerung hier in Deutschland. Wie seid ihr mit den Fan-Reaktionen zu diesem Auftritt umgegangen, die sogar bis hin zum „Verrat an der Szene“ ihre Ausuferung fanden?

Olli:
„Verrat an der Szene“ wurde natürlich gesagt, aber finde ich übers Ziel hinausgeschossen. Ich glaube, AVANTASIA war schon immer ein Projekt, was sich natürlich im Bereich Metal abspielt, aber generell musikalisch immer offen war und sich vom Songwriting her immer auch an den Gästen orientiert hat. „Mystery Of A Blood Red Rose“ war ursprünglich für MEAT LOAF gedacht, der auf dem Album mit dabei sein sollte - ist auch, glaube ich, kein Geheimnis mehr. Das hat dann nicht geklappt, woraufhin der Tobi (Anm.: Sammet, EDGUY) das selbst gemacht hat. Von der Star Watch-Gruppe - also Pro7, Sat1 -, die auch teilweise die Promotion für das Album übernommen hatten, kam halt einfach die Frage, wie die Idee wäre, dort teilzunehmen. Natürlich hat dieser Eurovision Song Contest durch die Vergangenheit immer ein bisschen so einen negativen Beigeschmack. Auf der anderen Seite hatten wir da nichts zu verlieren. Das ist ein guter Song, der sowohl einen Hardrock-Hörer  anspricht wie auch einen Pop-Hörer. Wir haben einfach die Chance wahrgenommen, um vielleicht den Horizont noch mal zu erweitern, was das Publikum anbelangt. Dass es einfach mal Leute mitkriegen, die ansonsten nichts von der Band mitbekommen, weil ein Act wie AVANTASIA natürlich auch nicht im normalen Radio stattfindet. Darum war es dann einfach schön, die Single auch mal in größeren Radiostationen zu hören und natürlich dann auch bei Konzerten neue Fans zu sehen. Auch Kids zu sehen, die vielleicht nur diesen Song vom Eurovision Song Contest her kannten, sich daraufhin ein Ticket gekauft haben und den Spaß ihres Lebens hatten. Für uns war es ganz klar die Möglichkeit, uns einem breiteren Publikum kundzutun. Da kann man, glaub ich, nicht von Verrat an der Metal-Szene sprechen. Es hat sich ja musikalisch bei der Band trotzdem nichts geändert. Auch beim Vor-Vor-Vorgänger auf „Scarecrow“ gab es damals Diskussionen über die erste Single „Lost In Space“, den allerersten Song, der für das Album geschrieben wurde. Das ist auch ein Pop-Song, der sogar in den Top 10 gelandet ist, aber trotzdem nicht im Radio lief. Es gibt bei AVANTASIA eine große Bandbreite an Songs, wo wir eigentlich mit einem 3-Stunden-Programm versuchen jede Art von Fan zu bedienen: Sowohl die Leute, die halt mehr auf den typischen Power-Metal der ersten beiden Alben stehen, bis zu den Sachen, wie es heute ist.

FFM-Rock:
Für AVANTASIA hast du die ROCK MEETS CLASSIC-Tour 2016 absagen müssen. Aktuell werden die mitwirkenden Sänger veröffentlicht. Darf man 2017 dort auch wieder mit dir rechnen?

Olli:
Ich bin natürlich mit Mat (Anm.: Sinner) in Kontakt. Das steht noch nicht fest, weil eben das Line-Up letztes Jahr auch anders war. Das wird sich, denke ich, in den nächsten Wochen herausstellen, wie es nächstes Jahr aussehen wird. Wenn es klappt, wird es mich natürlich sehr freuen, weil ich ROCK MEETS CLASSIC jetzt auch mittlerweile seit 2012 jedes Jahr gemacht habe und es für mich jedes Jahr ein Riesen Spaß ist, diese Tour zu spielen und mit eben diesen Leuten auf der Bühne zu stehen. Gerade bei dem Line-Up dieses Jahr wieder mit Lukather (Anm.: Steve, TOTO)und auch Don Felder (THE EAGLES) usw. Wäre eine tolle Geschichte, aber mal schau’n. Vielleicht klappt’s, steht aber noch nicht fest.

FFM-Rock:
Veröffentlichungen von und mit Oliver Hartmann gab es in den letzten 12 Monaten so viele wie nie zuvor. Dies beleuchten wir später noch mal näher. Aktuell steht die Veröffentlichung deines 5. Studioalbums „Shadows & Silhouettes“ an. Der Titel lässt schon erahnen, dass es auch diesmal vom textlichen Inhalt her wieder sehr persönlich wird. Ist dem wirklich so?

Olli:
Dieses Album ist aufgrund verschiedener Sachen ein relativ persönliches Album. Viele Songs dieses Albums sind auch schon 2014 entstanden, wo eigentlich auch der Release des Albums geplant war, was sich aber aus verschiedenen Gründen bis dato dann hingezogen hat. Nicht zuletzt, weil ich viel auf Tour war, dann gab’s zwischendrin auch eine Trennung von einer langjährigen Beziehung, Umzug, Tod meiner Mutter und vieles andere. Also auf dem Album sind definitiv Songs, in denen ich viele persönliche Sachen durchaus verarbeitet habe.

FFM-Rock:
„Shadows & Silhouettes“ erinnert nicht nur vom bereits als Video veröffentlichten Stück „When Your Mama Was A Hippie“ mehr denn je an melodischen Rock aus den 70ern. Verstärkt konnte man das schon auf dem Vorgänger „Balance“ ausmachen. Ist das der Stil, den der Künstler Oliver Hartmann für sich selbst gefunden hat?

Olli:
Ich persönlich bin mit dem aktuellen Album sehr zufrieden. Definitiv ist es das poppigste oder ruhigste Album. Es sind sehr viele Songs drauf, die nur auf akustischer Gitarre basieren. Wir haben es auch wirklich so belassen; einfach mit Akustikgitarre und Mandoline teilweise. Das hat sich beim Songwriting einfach so ein Stück weit ergeben, obwohl wir für dieses Album mehr als je zuvor Songs zur Auswahl hatten. Insgesamt hatten wir 20 Songs zur Auswahl. Ich habe mich mit Sascha Paeth (Anm.: AVANTASIA) dann noch mal zusammengesetzt. Wir haben alle Songs durchgehört und versucht die Songs zusammenzustellen, die die größte Aussagekraft und den besten Zusammenhang hatten. Letztendlich haben wir uns für diese 12 bzw. 13 Nummern als Bonus-Track entschieden. Wie gesagt, es ist ein sehr persönliches Album, es sind sehr viele ruhige Momente drauf. Es gibt natürlich Songs, die den typischen HARTMANN-Sound enthalten, Songs wie „Irresistible“ oder „High On You“ oder auch „Glow“. Aber auch Songs, die ein bisschen anders sind, wie eben „Shadow In My Eyes“ oder „Still The Same“ oder auch „Jaded Heart“, der vom Sound her vielleicht eher so 70s angelehnt ist. Natürlich ist es so, dass man sich in einem Prozess befindet, wenn man Songs schreibt und mehrere Alben macht. Letztendlich ist es so, dass man vom ersten Album gesehen bis zum aktuellsten - da sind schließlich 11 Jahre dazwischen -, schon immer ein Stück weit mehr zu sich selbst findet, vielleicht auch Sachen von außen immer mehr weglässt und wirklich einfach sein ganz eigenes Ding macht, ohne im Vorfeld darauf Rücksicht zu nehmen, wem etwas vielleicht irgendwie gefallen könnte. Das haben wir beim neuen Album auf jeden Fall so gemacht. Wir hoffen natürlich, dass einmal der typische HARTMANN-Hörer mit dem Album was anfangen kann; wir hoffen aber natürlich auch, mit dem Album vielleicht auch mal neue Hörer und Käufer zu finden.

FFM-Rock:
Durch deine Aktivitäten eben bei AVANTASIA und ROCK MEETS CLASSIC kommst du mit vielen unterschiedlichen Musikern zusammen, die in Form von Jimmy Kresic (RMC), Miro Rodenberg (AVANTASIA), der Cellistin Irena Morisáková sowie der Geigerin Adéla Pecková, aber auch Sascha Paeth, mit dem du das Album wieder produziert hast, hier auf „Shadows & Silhouettes“ wieder zu finden sind. Ist das Thema Gastmusiker hierdurch für dich aktueller denn je geworden?

Olli:
Auf dem Album ist das schon ein Thema. Wenn möglich, möchte ich möglichst viele Gastmusiker dabei haben. Das hat sich natürlich auch aus dem, was ich in der Vergangenheit gemacht habe - AVANTASIA, ROCK MEETS CLASSIC und verschiedene andere Projekte - einfach so ergeben. Man hat sein Netzwerk an Musikern erweitert und sagt sich, wie z. B. bei einem Song wie „Shadow In My Eyes“, da wär’s doch schön, wenn irgendwie eine Violine und vielleicht noch ein Cello mit drin wäre. Dann kontaktiert man einfach auch Leute, die man kennt, wie eben Irena, die bei ROCK MEETS CLASSIC dabei war und bei ECHOES das Streichquartett zusammengestellt hat. Genauso wie Miro Rodenberg, der auf vorherigen Alben schon teilweise Strings und Sachen arrangiert hat, wieder was gemacht hat. Oder dass ich den Jimmy Kresic von ROCK MEETS CLASSIC auf dem neuen Album als Keyboarder mit eingebunden habe, mit dem ich in den letzten zwei Jahren relativ viel zusammen gearbeitet habe, auch eigene Projekte wie SOUNDTOPIA, was musikalisch wieder in eine ganz andere Richtung geht. Mir war es da schon wichtig, sofern es möglich war, möglichst viele Gastmusiker mit auf dem Album dabei zu haben, um einfach auch mal ein bisschen frischen Wind mit reinzukriegen.

FFM-Rock:
Neben der Wiederveröffentlichung der HARTMANN DVD „Handmade“ gab es vor gut einem Jahr die Veröffentlichung der DVD „Barefoot To The Moon“ deiner PINK FLOYD Tribut Band ECHOES. Hier darfst du zu den beiden Themen mal eben noch schnell Werbung machen.

Olli:
„Handmade“ haben wir im Zuge des Releases des neuen Albums wiederveröffentlicht. „Handmade“ war schon immer, auch unter Fans, so ein bisschen der Geheimtipp. Es war anders als die sonstigen HARTMANN-Alben, weil es halt so rein akustisch war und dazu eben noch mit einer Background-Sängerin. Da das Album eh nicht mehr erhältlich war und auch dadurch, dass das neue Album teilweise sehr akustisch ausgefallen ist, haben wir gedacht, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Album noch einmal zu re-releasen, aber dann eben als Package mit CD und DVD und einem hochwertigen Digipack noch mal anzubieten. Und „Barefoot To The Moon“ letztes Jahr war natürlich eine coole Geschichte, einfach dieses Projekt PINK FLOYD mal rein akustisch um zuzusetzen. Man merkt schon: an so rein akustischem hängt irgendwie generell so ein bisschen mein Herz; hab ich schon immer gern gemacht. Ich hatte schon immer ein Faible für unplugged-Sachen, akustische Sachen. Ich hab auch relativ lang dran gearbeitet dieses Projekt umzusetzen. Also, von der Idee bis zur Umsetzung ging fast ein dreiviertel Jahr ins Land. Wir haben uns natürlich super gefreut, dass diese DVD insgesamt so gut ankam und sogar kurz nachdem sie rauskam in den Mediacontrol-Charts auf Platz 20 war. Letztes Jahr haben wir eine erste Tour gespielt, und wir machen dieses Jahr erneut eine Akustik-Tour im Dezember und Januar mit aktuell sogar doppelt so vielen Terminen wie im letzten Jahr. Für uns war das einfach noch mal ein Schritt weg von diesem reinen Tribute-Projekt PINK FLOYD mit den ECHOES. Sagen wir mal, etwas Originelleres zu machen als einfach nur etwas 1:1 nachzuspielen; mal mit einem neuen Blick auf die ganze Sache. Das verleiht auch der ganzen Band und dem ganzen Projekt ein bisschen mehr Eigenständigkeit, als einfach nur ein Tribute zu sein. Dem Tourmanager von David Gilmour (git., PINK FLOYD) hat es übrigens auch gefallen.

FFM-Rock:
Anstatt meiner obligatorischen Pleiten, Pech und Pannen-Frage, die du ja schon von früher her kennst, gibt’s heute mal eine „Was wäre wenn“-Frage.
Was wäre passiert, wenn deine Mutter dir den Einstieg in den Musikzirkus verboten hätte?

Olli:
Dann wäre ich wahrscheinlich irgendwann selber losgezogen und hätte mir mit gespartem Taschengeld meine erste Gitarre oder irgendwas anderes gekauft (lacht). Da muss ich aber sagen, dass ich meiner Mutter – Gott hab sie selig – ein großes Lob aussprechen muss. Zu dem Zeitpunkt, wo ich gesagt habe, mich interessiert Musik, ich möchte ein Instrument lernen, hat sie das immer unterstützt, weil sie auch musikalisch war und das als Kind auch gemacht hat und nur aufgrund von Krieg, Umzug usw. viele Sachen - Klavier, Violine und alles - verkaufen musste. Sie hat mir das eben ermöglicht, meine Sachen umzusetzen und auch erkannt, dass ich wohl Talent habe und mich immer unterstützt. Aber wäre das nicht so gewesen, wäre ich wahrscheinlich irgendwann selber mit dem zusammengesparten Taschengeld in irgendeinem Musikladen gelandet.

FFM-Rock:
So, dann sind wir auch schon am Ende der Fragerei. Zum Schluss bitte noch einige persönliche Worte an unsere Leser und deine bzw. eure Fans.

Olli:
Wie immer möchte ich natürlich an dieser Stelle alle FFM-Rock-Leser grüßen sowie auch alle HARTMANN-Fans. Wir hoffen, mit dem neuen Album einerseits die alten HARTMANN-Fans zu erreichen, dass die auch sehen, dass es da noch eine andere Facette gibt, und natürlich wirklich auch einfach neue Hörer zu erreichen. Wir sind im Herbst auf Tour. Jetzt am 1. Oktober gibt es die Release-Party im Colos-Saal (Anm.: Aschaffenburg); wir sind dann im Oktober, November, Dezember ein bisschen unterwegs auf Tour. Tourdaten gibt es hoffentlich dann aktuell auf der Homepage. Mein uralter Rechner, auf der die Homepage drauf ist, ist gerade abgeraucht, der ist in Reparatur, d.h. die Dates sind nicht ganz aktuell. Die meisten stehen drauf, es kommen noch ein paar dazu, und mich würde es natürlich freuen, eure Leser wirklich auf einem Konzert mal zu sehen.

Danke für das Interview und alles Gute für die Zukunft!

Mike von FFM-Rock                                                              Foto by Hartmann