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MOSTLY AUTUMN - Verviers (BE), Spirit Of 66

Konzert vom 28.11.14

Stil: Progressive Celtic-Folk-Hardrock

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MOSTLY AUTUMN
SPIRIT OF 66

 

Nach siebenstündiger Zugfahrt gut angekommen, checken wir gerade noch rechtzeitig im Hotel ein und begeben uns anschließend flotten Fußes zum Ort des Geschehens. Unser Ziel, der Club SPIRIT OF 66 liegt knapp einen Kilometer von unserem Hotel, dem 'Des Ardennes' entfernt. Ein gehobenes Landschaftspanorama ziert die malerische Kulisse der belgischen Kleinstadt. Aus ganz bestimmten Anlass, hat es uns dorthin verschlagen, dieser trägt zwei Worte: MOSTLY AUTUMN!

 

Rock, Blues, Celtic-Folk, Prog und Hardrock vermischen sich zu einer von richtig erdig urigem Kauzflair behafteten Melange. Stilistisch gesehen, machen die Engländer MOSTLY AUTUMN ihr völlig eigenes Ding, deren Musik sich in einem Rahmen bewegt, der sich nur einem kleinen, dafür umso treueren Fanklientel erschließt. Das MOSTLY AUTUMN hierzulande so wenig bekannt sind, liegt in erster Linie daran, das die Formation innerhalb der Grenzen ihrer Heimat auf der britischen Insel auftritt und bislang überhaupt nie nach Deutschland gekommen ist. An der Qualität ihrer hochkarätigen Musik ändert dieser Umstand so gut wie nichts. Erdiges Bluesflair und Rock mit dem rauen Charme eines NEIL YOUNG treffen verträumt spacerockige PINK FLOYD, keltisch ausgeprägtes Folkflair ( zwischen CLANNAD und FAIRPORT CONVENTION), kombiniert mit einem kräftigen Schuß Vielfalt der britisch-amerikanischen US-Rockband FLEETWOOD MAC, Progressiveanteil á lá ganz frühe GENESIS, getaucht in melancholisch geheimnisvoller Färbung. Genau das macht eine Band wie MOSTLY AUTUMN eben so einzigartig. Der nahtlose Übergang genannter Elementvielfalt verbunden zu einer urigen, jederzeit ins Blut gehenden Mischung zeitlos wundervoller Musik. Aus dem Grund sind wir nach Verviers gereist. Im SPIRIT OF 66 (allein der Name = Nostalgie pur – lenkt die Gedanken zum berühmten Motorradfahrerhighway ROUTE 66, dessen Verlauf sich von Illinois-Chicago nach Santa Monica – Kalifornien erstreckt), herrscht noch ehe die Band pünktlich um 21:00 Uhr auf die Bühne kommt, gemütliche Provinzclubatmosphäre.

Schon der Blick auf die urige Einrichtung der Location ringt uns ein wohlwollendes Lächeln ab.Dieser Club hat schon viele Schlachten hinter sich und besitzt genau das bestens, weil extra dafür geeignete Ambiente. Beseelt von dem Touch einfach mal die Seele baumeln und alles hinter sich zu lassen, begeben wir uns nach Lösen des Tickets am Eingang (23 Euronen sind gemäß beschriebener Umstände ok), zunächst in den etwas weiter hinten gelegenen Bereich. Die Musik von MOSTLY AUTUMN ist schwer zu definieren. Liebhaber klassischen Inselfolks, der ein Spektrum zwischen verträumt melancholisch, geheimnisvoll, düster und episch abdeckt, haben genauso ihre Freude an den Walisern wie Liebhaber klassischen Rocks mit einem kräftigen Schuß Hardrock und Blues, der sich phasenweise mit Progelementen vermischt. Wohltuend entspannt entwickelt sich der Auftritt von MOSTLY AUTUMN zu einem unvergesslichen Erlebnis ganz besonderer Art.

Schon mit dem ersten Takt wissen MOSTLY AUTUMN zu begeistern, deren Sound klar und einwandfrei top ausgesteuert durch den Raum hallt. Der mit richtig erdigem Drive gebrachte Einstiegskracher „Deep in Borrowdale“ lässt unglaublich viel bluesrockiges NEIL YOUNG-Faible erkennen. „Drops of the Sun“ zeigt sich immens hart rockend. Danach wird’s mystisch, episch, verträumt, proggig und rockig zugleich. Für das Highlight eines richtig ergiebigen, vor solchen geradezu strotzenden Abends sorgt das nachdenklich traurige „The Last Climb“. Ein Stück, in dessen Verlauf sich Flötistin Anne-Marie Helder dem Zentrum der Bühnenmitte nähert, um ihr kaum enden wollendes, die Sinne berauschend, einfühlsam altertümlich mystische Klangvielfalt verteilendes Flötensolo nach Celtic-Folk-Art vom Feinsten zu zelebrieren. Soviel Eleganz, mitder sich die geheimnisvoll wirkende Frau mit der Dunklen Haarpracht ihr Instrument liebevoll bearbeitend, auf der Bühne bewegt, verteilt reichlich intensiv kribbelnd unter die Haut gehendes Flair im Raum. Ein betörender Reiz des Zauberhaften, dem ein regelrecht magisch in seinen Bann gezogenes Publikum verfällt. Das gebotene auf über 2 Stunden gedehnte Mammut-Programm bestehend aus einem Best-of-Set älterer Stücke und einem zur Hälfte der Spielzeit wechselnd, nach kurzer mehre Minuten Zeit zum gepflegt etwas Trinken gebender Umbaupause folgenden Set aktuell neueren Materials jüngeren Datums gestaltet sich zum Erlebnis der Extraklasse. Je länger die Band auf der Bühne steht desto mehr Begeisterung macht sich breit, es herrscht wahnsinnig knisterndes Clubfeeling wie in den 70ern. Gedämpftes aber nicht zu dunkles Licht erhellt auch die Bereiche an Merchstand sowie dem gut besuchten Tresen. Die überschaubare Kleinlocation ist nicht zu sehr mit Leuten überfüllt und bietet genügend Ausblick zur Bühne. Ganz mitgerissen, versinken auch wir mitten im unorthodoxen Kosmos von MOSTLY AUTUMN. Musik, wie aus einer anderen Welt. Episch, geheimnisvoll, melancholisch, dunkel, abwechlungsreich, oft mit einer kräftigen Portion rockiger Klänge versehen. Bandleader Gitarrist Bryan Josh duelliert sich mit Klangmagier Iain Jennings hinter Orgel und Keyboards, Drummer Alex Cromarty bearbeitet Becken und Felle in unnachahmlichem 70er-Drummingstil eines Profis von der Kategorie Ian Paice bei „Changing Fast“ mit soviel Dynamik, das es einfach nur wohltut, diesen Lehrunterricht mitzunehmen, dabei tritt ein deutliches Faible für klassischen Hardrock des Musters DEEP PURPLE zum Vorschein.

Im völligen Kontrast zu den krachend hardrockigen Sahnehäppchen stehen besinnlich die Seele berührende Melancholic-Balladen wie „The Rain Song“,oder „Nowhere to Hide“ (Close my Eyes), deren verzaubernde Klangsilhouetten sich im Raum verteilend romantische Bilder in Serie wecken. Auch wir lassen uns  vom Zauber intensiv sich ausbreitend zeitlos magischer Atmosphäre anstecken. Sängerin Olivia Sparnenn trägt ein passend ihre Figur betonendes Kleid in schwarz, deren Stimme regelrecht bezaubert, je länger die hübsche Blondine hinter dem Mikro stehend mit klarem Blick das Publikum fixierend ihr Können zum Besten gibt. Schlagzeuger Alex Cromarty gönnt sich zwischendurch öfter mal ein fröhliches Grinsen. Basser Andy Smith zeigt, das er neben klassischen Rockposen sein Instrument problemlos beherrscht. Rhythmusgitarrist Chris Johnson agiert häufig im Hintergrund, sorgt darüber hinaus für zusätzlichen Rocktouch während Sänger/Leadgitarrist Bryan Josh verstärkt Kostproben seiner Kunst gibt, die einfach nur staunen lassen, sobald er betont lässig beginnt sein Instrument zu bearbeiten, sich immer weiter in Orgien ausschweifend ein Feuerwerk regelrecht explodierender Gitarrenorgien hineinsteigert,wobei u. a. ein kräftiger Hauch RORY GALLAGHER in seinem Spiel erkennbar wird. Einfach Wahnsinn, was der Mann auf seinem Instrument zelebriert! Selbst beim Einsatz der Akustikgitarre zeigt sich die Vielfalt eines unglaublich begnadeten Saitenvirtuosen.

Betreffs Zugabe kehren MOSTLY AUTUMN bestens gelaunt relaxter Stimmung auf die Bühne zurück. Walt Disney's Frozen-Hymne "Let it Go" kann sich locker mit der Vertonung von Demi Lovato messen) wird einem begeistertem Publikum serviert, das die Band am liebsten gar nicht mehr von der Bühne lassen würde! Rhythmusgitarrist Chris Johnson setzt sich zum Schluß lächelnd einen roten Hut auf und stimmt den vom ganzen Saal in Partystimmung tauchend jubelnd mitgesungenen SLADE-Weihnachtsevergreen „Merry X-Mas everybody“ an. - Ein zeitloses Stück Kulturgeschichte, dessen sich gnadenlos im Ohr festsaugender Refrain von einer ausgelassen in fröhlicher Feierstimmung befindlich singenden (phasenweise auch tanzenden) Schar im SPIRIT OF 66 zusammen mit der gesamten Band im Takt intoniert wird. Top!

„So here it is Merry Christmas
Everybody's having fun
Look to the future now,
It's only just begun.“

Daran zeigt sich: Nichts geht über einen ausgelassenen Konzertabend in gemütlich überschaubarer Kleinclubatmosphäre!

Als schließlich nach langanhaltendem Applaus (völlig zurecht für eine mindestens Zweistündige Vorstellung vom Feinsten!) die Lichter im Saal angehen holt uns das Ende wieder in die Realität zurück. Melissa besorgt sich noch Autogramme und ich genieße lächelnden Auges den Rest des Abends. Etwaige Superlativen via Sammelsurium aufzuzählen bedarf es nicht, ein gewichtiges Wort sollte bezeichnender weise für eine so unglaublich packend mitreißende Show, die alle Anwesenden im Saal bis zum letzten Takt restlos begeisterte, genannt sein:  

ü b e r w ä l t i g e n d !!!

Auf Anfrage überreicht mir ein freundlicher Bandroadie zu unserer Freude die Setlist, womit das Gesamtprogramm für den MOSTLY AUTUMN-Fankreis nocheinmal komplett wiedergegeben sei:

Deep in Borrowdale
Drops of the Sun
Changing Fast
Never the Rainbow
The Rain Song
Evergreen
The Last Climb
Nowhere to Hide (Close my Eyes)
Questioning Eyes
Saturday Night
Not Yours
Running
Home
First Day at Shool
Down by the River
Skin on Skin
The House on the Hill
The Last Day
Dressed in Voices
The Library (Footsteps)
Box of Tears
Heroes Never Die
Tonight
Zugaben:
Let it go (Demi Lovato-Cover aus Walt Disney's Frozen)
Merry X-Mas Everybody (SLADE-Cover)

Am dieser Stelle möchten wir zunächst dem Veranstalter Lob für die gute Organisation zollen. Rückblickend auf ein in jeder Hinsicht phantastisches Liveerlebnis ein dreifaches DANKE, DANKE, DANKE (!) an MOSTLY AUTUMN und viele Grüße nach England, für ein unvergesslich traumhaftes Klangerlebnis, dessen bezaubernde Schönheit den Spirit emotional bewegend zeitlos facettenreich gestalteter Rockmusik mit hochgradiger Schattierung in unsere Herzen brachte. Ein von Herzen kommender Gruß geht an die Adresse vom Hotel Des Ardennes, das wir nur allzu gern weiter empfehlen,  wofür dem uns so freundlich bewirtenden Gastwirtehepaar noch einmal von Herzen gedankt sei!

Fazit: Verviers war eine Reise wert, sowohl in Sachen Musik als auch hinsichtlich Unterbringung.

Bericht: Michael Toscher, Fotos: Melissa Hart