Der Colos-Saal und die Merkwürdigkeiten des Music Business

Hallo Real Music Lovers, stellen wir uns mal vor, wir Konzertveranstalter dürften täglich um 12 Uhr unsere Ticketpreise erhöhen, völlig legal, per Gesetz beschlossen.

Das wäre eine Gaudi. Da wäre was los, oder? Vielleicht noch verbunden mit einem Ticketrabatt der Regierung von 17 Cent, die Schiss davor hat, die Gunst der Konzertgänger auf Dauer zu verlieren, weil die Karten sich so massiv verteuern, was uns diebischen Musikpromotern die Gelegenheit gibt, täglich um High Noon erst recht noch ein paar Euro auf jedes Ticket draufzuschlagen? Passt schon, man ist ja nicht gezwungen, die Preise wieder zu senken.

Geile Ideen, oder? Ich habe noch eine bessere: Wenn wir künftig merken, dass die Nachfrage nach einem Konzert sehr stark wird, dann hauen wir auf das Ticket noch einen doppelten Schnaps obendrauf, sagen wir mal 10,- Euro. Oder vielleicht besser 20,- Euro? Was meint Ihr? Das Angebot bestimmt die Nachfrage heißt es doch immer? Oder war das andersherum?

Dynamic Pricing - die Gelddruckmaschine
In diesem Zusammenhang bin ich tief beindruckt vom Modell des „Dynamic Pricings“, das auf folgender Grundannahme fußt:
Wir Musikfans sind alle ein wenig irre. Real Music Lovers gelten als Musikverrückte und wenn wir einen bestimmten Künstler lieben, müssen wir da hin, koste es was es wolle. Irgendwie bekloppt, aber Ihr kennt das sicher.

Schon längst kapiert hat das ein CEO eines gewissen amerikanischen Ticketvermarktungs- und Eventunternehmens, das uns jetzt alle kräftig melken will, und zwar mit „Dynamic Pricing“. Bedeutet nichts anderes als: Wenn der Vorverkauf für einen angesagten Künstler gut anläuft, werden sofort die Ticketpreise angepasst – nach oben selbstverständlich – und kurz vor dem Ausverkauf hauen wir nochmal einen kräftigen Schlag drauf. Kauft sicher auch noch irgendein Süchtiger. Clever, oder?

Auch Sportfans werden abgezockt
Von der FIFA hört man ähnliches. Da zieht man für die WM-Spiele den Sportverrückten ganze Wochen- und Monatslöhne aus der Tasche und Niemand weiß, was der Sitznachbar bezahlt hat. Preistransparenz: Wozu? Ich habe allerdings gehört, der Vorverkauf läuft nicht nur in Deutschland recht mies. Kein Wunder. Es weiß am Ende Keiner so genau, wer denn mit seinem teuren Ticket tatsächlich einreisen darf. Wehe dem, der in den sozialen Netzwerken mit Trump-Kritik aufgefallen ist und die Beweise bis zur Einreisekontrolle in den MAGA-Staat nicht von seinem Handy verschwinden hat lassen.

Der Ticket-Zweitmarkt
Wir dürfen die supercleveren Zweitmarktanbieter nicht vergessen. Da werden mit Bots aufgekaufte Ticketkontingente zu Mondpreisen angeboten und tatsächlich auch gekauft - von den ganz Verrückten, die nicht bemerkt haben, dass sie auf Viagogo, StubHub, Gigsberg, Ticombo, Ticketbande, getyourticket und ähnlichen Schwindelseiten gelandet sind, auf Verkaufsportalen, die diese Tickets eigentlich gar nicht anbieten dürften. Und schon gar nicht zu einem schweinischen Preis.

Unmoralische Einnahmen
Egal. Ihr merkt, ich denke über potenzielle Zusatzeinnahmen nach. Möglichst hohe, schmutzige, schmerzhafte, unmoralische und sicher auch skrupellose Mehreinnahmen für den guten Zweck, dem Wohle unserer Firma. In einer Welt, die mit Raketen, Drohnen und schmutzigen Deals regiert wird, muss man mit dem Zeitgeist gehen, Härte zeigen und als kleine Veranstaltungsfirma sehen, wo man bleibt.
Kurze Anmerkung: Wer an dieser Stelle die Vermutung hegt, das hier sei ein satirischer Text, irrt sich, denn es ist ein sarkastischer. Aber ich bin noch nicht fertig mit den aktuellen Merkwürdigkeiten aus der Eventbranche.

Die oben erwähnte Ticketfirma mit dem „Dynamic Pricing“ ist zu einem Monopolisten geworden, der in den USA nicht nur Karten verkauft, sondern auch Künstler auf Tournee schickt und zunehmend die Venues aufkauft, in denen sie auch Bier und Merchandise vertickt, und zuvor Parkgebühren erhebt, oder Werbekostenzuschläge, Refundierungen und sonstige geniale Erfindungen auf die Tickets draufschlägt. Und sie investiert massiv in Deutschland, trotz laufender kartellrechtlicher Verfahren vor den US-Gerichten. Was kommt da noch? Sicherheitsgebühren? Toilettenbenutzungsgebühren? Serviergebühren an der Theke? Auslassgebühren? Kurtaxe? Der Fantasie sind da eigentlich keine Grenzen mehr gesetzt.

Wahrscheinlich ertragen wir Musikfreunde perverse Entwicklungen rund um unsere Künstler doch nur bis zu einer gewissen Schmerzgrenze. Nach massiven Beschwerden tausender abgezockter Ticketkäufer wird nun endlich mal die hohe Politik aufmerksam. Unsere Regierung beabsichtigt, den Zweitmarkt stärker zu regulieren, heißt es seit April dieses Jahres. Im Mai haben daraufhin etliche Künstler und Veranstaltungsverbände mit gemeinsamen Erklärungen auf die Abzocke der dubiosen Zweitmarktportale aufmerksam gemacht, weil sie nicht mehr länger hinnehmen wollen, dass ihre Fans und Kunden ständig über den Tisch gezogen werden. Mein Respekt!

Die angekündigte Baurechtsnovelle
Apropos hohe Politik. Die diskutiert seit Jahren über die Behandlung von Clubs im Bauplanungsrecht. Gelten doch Colos-Saal und Co. bisher als Vergnügungsstätten wie Wettbüros, Spielhallen und Bordelle. Selbst der umstrittene Staatsminister Wolfram Weimer, bis vor kurzem selbst Veranstalter ziemlich teurer Events zur politischen Kontaktanbahnung für Gutbetuchte, begrüßt den neuen vom Kabinett gebilligten Referentenentwurf, welcher Clubs zu Kulturorten hochstufen soll, für die besonderer baurechtlicher Schutz gelten soll.

Klingt ja erst mal nett, wird aber nicht viel bringen, wenn nicht gleichzeitig auch die TA Lärm (steht für Technische Anleitung, also die Verwaltungsvorschrift, die regelt, welche Art Betrieb welchen Lärm verursachen darf, und wieviel davon wo ankommen darf) geändert wird, die in Wohngebieten ab 22 Uhr abends die Einhaltung von 45 dB(A) vorschreibt, was in etwa dem zarten Gesang einer Nachtigall in 50 Metern Entfernung entspricht und von quasi jedem vorbeifahrenden PKW entspannt gerissen wird.

Ein wenig beeilen sollte sich unsere Politik aber doch. Überall im Land ist vom Clubsterben die Rede, weil die Gentrifizierung angesagter Ausgehviertel schnell voranschreitet und ehemals gefragte Szene-Läden zu Spekulationsobjekten ihrer Besitzer werden, mit denen sich am Immobilienmarkt beispielsweise mit teuren Eigentumswohnungen wunderbare Renditen machen lässt. Kulturelle Nutzung steht da nur im Weg.

Genug gelästert für heute
Ganz im Ernst. Der Colos-Saal wird weiterhin volle Transparenz über die Ticketbruttokosten auf www.colos-saal.de leisten. Nein, wir erhöhen unsere Preise nicht um 12 Uhr mittags und auch nicht nach guten Vorverkaufsstarts. Dynamic Pricing und die skrupellosen, oben benannten Zweitmarktanbieter lehnen wir ab und raten Euch gleichzeitig dazu, keine Mondpreise für Eure musikalischen Vorlieben zu zahlen. Über die Toilettenbenutzungsgebühr und die Kurtaxe müssen wir nochmal nachdenken.

Das Sommerprogramm auf dem Campus
Rund um unser starkes Sommerprogramm im Club und auf dem Campus haben wir ja schon im letzten Newsletter berichtet. Unten seht Ihr, dass sogar noch weitere Konzerte dazu gekommen sind.

Hier gibt es die Gesamtübersicht der Sommerbühne auf dem Campus, wo es heuer 17 Veranstaltungen geben wird, sechs davon sind vom Colos-Saal organisiert:
https://www.kulturamt-aschaffenburg.de/unsere-festivals/sommerbuehnen/programm/?category=sommerbuehnen

Ein letzter Hinweis noch:
Schon ein wenig neidisch sind wir auf das Booking unserer Kolleginnen und Kollegen aus dem Kulturamt, die am 28. Juni hochkarätige World-Music im Rahmen des Carillon & Percussion Festival im Angebot haben, die auch Colos-Saal-Stammgäste interessieren könnte. Mit dem „Busch-Werk Herman Kathan“ bringt man einen echten Leckerbissen für musikalische Grenzgänger an den Start. Mit dabei: Nippy Noya, das Urgestein an den Congas aus Indonesien, Billy Konaté aus Westafrika, der das musikalische Erbe seines Vaters Famoudou angetreten hat, und Wolfgang Schmid, die graue Eminenz der deutschen Bass-Szene.

Hier gibt es die Karten und mehr Infos:
https://www.kulturamt-aschaffenburg.de/veranstaltung/busch-werk-herman-kathan/

Wir sehen uns hoffentlich bei den Konzerten im Club, im Theater und auf dem Campus.

Quelle: Colos-Saal

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