Der Colos-Saal, das Programm im vierten Quartal
Hallo Ihr Real Music Lovers, es sind nicht die besten Zeiten für private Spielstätten in unserem Land.
Unser neuer Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer bejubelt in Interviews zwar den größten Kulturhaushalt, den es angeblich je in der Bundesrepublik gab, ignoriert dabei aber, dass popkulturelle Orte - die meisten ohne öffentliche Förderung - einen großen Teil der kulturellen Angebote, der künstlerischen Nachwuchsförderung und der regionalen Wertschöpfung in unserem Land tragen. Laut einer GEMA-Studie gab es im Jahr 2025 knapp 75 Millionen Besucherinnen und Besucher bei Live-Musik-Events.
Im aktuellen Entwurf des Bundeskulturhaushaltes wird allerdings das systemische Ungleichgewicht deutlich, das seit jeher die deutsche Kulturlandschaft prägt und am besten durch folgendes Beispiel verdeutlicht wird: Im oben erwähnten Haushaltsansatz werden existentielle Fördermittel für Popkultur wie der Festivalförderfonds auf zwei Millionen Euro halbiert, während alleine für die Bayreuther Festspiele gleich mal eine Million zusätzlich eingeplant sind, womit die Förderung für das Wagner-Happening gleich auf 5,2 Millionen steigt. Also auch in der Zukunft alles wie gehabt?
58.000 Besucher gab es bei den 30 Opernaufführungen der Bayreuther Festspiele, meldet der Deutschlandfunk am 28.8.2024. Die Veranstaltungen waren fast alle ausverkauft. Das Publikum ist bekanntlich überwiegend gut betucht und trotzdem subventioniert der Staat jedes Ticket mit riesigen Beträgen. Mit dem Anspruch der „kulturellen Teilhabe“ ist eine solche Förderung daher eigentlich nicht mehr zu begründen, um es mal vorsichtig zu formulieren. Die unvorsichtige Variante wäre: hier lässt sich ausgerechnet das besserverdienende Bürgertum seine kulturellen Vorlieben (oder sollte ich besser sagen Netzwerk-Events von Politik und Wirtschaft?) vom Staat mitfinanzieren.
Ein Blick auf den „Relevanzmonitor Kultur 2025“ der Bertelsmann Stiftung zeigt zu diesem Thema ein paar aufschlussreiche Zahlen und die Diskrepanz der Förderlogik. Demnach wollen zwar 91% der Bevölkerung Theater- und klassische Kulturangebote erhalten, aber nur 20% der Befragten haben solche Angebote im vorausgegangenen Jahr besucht, 35% waren dagegen noch nie in einem klassischen Konzert oder in der Oper. Dazu heißt es in einer Stellungnahme des Spielstätten-Verbandes LiveKomm lapidar: „Die Hochkultur genießt abstrakten gesellschaftlichen Rückhalt, wird aber von der großen Mehrheit nicht genutzt.“
Zurück zum Regierungsentwurf: die zentralen Förderprogramme des Bundes für Pop- und Livemusikstätten (Festivalförderfonds, Amateurmusikfonds, das Reeperbahn-Festival und die Initiative Musik) sollen insgesamt 31 Millionen erhalten. Wenn man weiß, dass auf Bundesebene der aktuelle Kulturhaushalt 2,36 Milliarden Euro beträgt, fließen somit gerade einmal 1,3% des Kulturetats in die Förderung der Pop- und Rockkultur und ihrer vielen Bühnen.
Nach Berechnungen des Deutschen Musikinformationszentrums wird jede Theaterkarte in öffentlich finanzierten Häusern in Deutschland mit durchschnittlich 191,- Euro pro Besuch subventioniert. Demgegenüber erhalten Livemusikveranstaltungen im Pop- und Clubbereich in der Regel keine institutionelle Grundförderung und finanzieren sich überwiegend aus Ticket- und Gastronomieerlösen. Live-Musik-Besucher in den privaten Spielstätten zahlen somit zweimal: einmal zu 100% ihre Karte für ihre musikalischen Leidenschaften, die sie zum Beispiel bei uns im Colos-Saal ausleben und zweitens zahlen sie über ihre Steuergelder auch noch die hochsubventionierten Kulturstätten, die sie möglicherweise nie aufsuchen.
Ich möchte da nicht falsch verstanden werden. Die Bereiche der sogenannten Hochkultur sind wichtig, müssen erhalten bleiben und müssen wohl auch in Zukunft bezuschusst werden, um sie zu bewahren. Nur frage ich mich bereits seit Jahren, warum in vielen öffentlich betriebenen Theatern gerade für diese Kulturbeiträge sehr niedrige Eintrittspreise erhoben werden, während wir Privaten so wirtschaften müssen, dass der Ticketpreis mindestens die Kosten abdecken muss.
Dabei liest man überall vom Clubsterben aufgrund der hohen Kostensteigerungen für Gagen, Personal und Material, die wir alle nach der Pandemie erleben mussten. Auch in der Festivalszene sieht es nicht rosig aus. In einem ZDF-Beitrag vom 13.9.2026 heißt es, dass nur 15% der 1800 Musikfestivals in Deutschland noch Gewinn machen und für kleinere Veranstalter die Lage sich zunehmend existenzgefährdend darstellt.
Mein Kollege Matthias, unser Chef-Booker, war letzte Woche in Hamburg als Talent-Scout und Netzwerker auf dem großen Branchentreffen „Reeperbahn-Festival“, kam sehr nachdenklich zurück und berichtete über getrübte Stimmung in der Szene. Hat er doch in vielen Gesprächen erfahren, dass es der Veranstaltungsbranche insgesamt gesehen nicht gut geht und aktuell viele Entlassungen bei den Kollegen anstehen, weil die Refinanzierung von Konzerten und Festivals immer schwieriger wird.
Das Nachtleben wandelt sich drastisch. Gestern nahm ich an einem Video-Meeting unseres bayerischen Spielstättenverbands VPBy teil. Meine Kollegen aus München, Augsburg, Erlangen etc. berichteten von ähnlichen Situationen, wie wir sie hier in Aschaffenburg seit einigen Jahren erleben. Das Ausgehverhalten besonders jüngerer Menschen hat sich verändert. Schlecht besuchte Parties, geschlossene Clubs und Insolvenzen einst erfolgreichen Läden häufen sich. Im Kollegenkreis wurde gerätselt, warum solche Meldungen flächendeckend aus dem ganzen Land zu hören sind.
Wahrscheinlich ist es zu kurz gegriffen, wenn es nur damit erklärt wird, dass mehrere Jahrgänge aufgrund der pandemischen Einschränkungen aus den Jahren 2020 bis 2022 das Ausgehen nicht gelernt haben. Wir vermuten, dass viele andere Faktoren dazu kommen, wie beispielsweise die rasant angestiegenen Kosten bei Lebensmitteln und Energie. Das Geld wird knapp. Die zunehmende politische und gesellschaftliche Polarisierung der Gesellschaft, Existenzängste aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt, sowie steigende Kosten bei Mieten, Immobilien, Gesundheitsvorsorge und vielen anderen Bereichen – irgendwo muss gespart werden, in unserem Beispiel beim Ausgehen und bei Kulturbesuchen. Als eigentlich positiver Aspekt kommt noch mit dazu, dass der Alkoholkonsum zurück geht, vermutlich aus gesundheitlichen Gründen, was aber dann leider auch zu Umsatzrückgängen in den Spielstätten führt, die Getränkeerlöse für ihre Kostendeckung brauchen.
Mit anderen Worten: massiver Gegenwind für private Kulturveranstalter aus der Politik, der wahrscheinlich noch zunehmen wird, wenn weiterhin so gewählt wird, wie es bei den letzten drei Landtagswahlen der Fall war.
Genug gejammert, denn trotz all der Schwierigkeiten in unserer Kulturbranche hält sich der Colos-Saal im 42sten Jahr seines Bestehens (Klimperkastzenzeit mit eingerechnet) ziemlich wacker. Wir leben noch und haben im letzten Quartal wieder viele musikalische Live-Leckerbissen für Euch am Start. Auch wenn Ihr etliche Namen im Programm lest, von denen Ihr wisst, dass sie schon öfter bei uns Station gemacht haben, werdet Ihr bei genauer Prüfung von https://colos-saal.de/ sehen, dass zwischen Oktober und Dezember immerhin 31 Künstler und Gruppen zu uns kommen, die noch nie in Aschaffenburg gespielt haben.
Dass wir aufgrund des großen Andrangs für Heavysaurus am 13.12. und für Geoff Tate am 24.11. Zusatztermine gebucht haben, für die es seit ein paar Tagen Karten gibt, ist hoffentlich Eurer Aufmerksamkeit nicht entgangen.
Auch unsere Veranstaltungsreihe im Stadttheater ist nach wie vor schwer gefragt. Bei einigen Veranstaltungen schlagen wir auch schon Alarm, weil die Karten knapp sind – siehe hier: https://colos-saal.de/latest-news/news-details/konzerte-im-stadttheater.html
Daher bedanken wir uns erneut recht herzlich bei Euch Real Music Lovers, die Ihr noch großen Wert auf Live-Erlebnisse legt. Wenn Ihr jetzt noch Eurem stubenhockenden Nachwuchs beibringt, wie man vernünftig abends ausgeht und welche emotionale Wucht, welche besonderen Gemeinschaftserlebnisse gute Konzerte und/oder Parties erzeugen, dann bleibt das auch hoffentlich in der Zukunft so, dass wir ohne Kulturförderung spannende Veranstaltungen zustande bringen und die Künstler auch ordentlich bezahlen können.
Wie sehen uns bei den Konzerten im Club und im Theater.
Quelle: Colos-Saal

